Deutschland hat Cannabis legalisiert – und trotzdem fühlen sich Millionen Menschen, die Cannabis konsumieren, schief angesehen, ausgegrenzt und gesellschaftlich abgestempelt. Eine aktuelle Studie zeigt: Das Problem ist größer als gedacht. Und es trifft nicht die, die man vielleicht erwarten würde.
Was bedeutet Stigmatisierung – und warum trifft sie Cannabis-Konsumenten?
Der Begriff „Stigma” geht auf den Soziologen Erving Goffman zurück: Ein Stigma ist ein Merkmal, das dazu führt, dass eine Person gesellschaftlich abgelehnt oder abgewertet wird. Bei Cannabis-Konsumierenden ist dieses Stigma tief in der Geschichte des Verbots verwurzelt.
Jahrzehntelang galt Cannabis als Droge der Kriminellen, der Faulen, der Sozialversager. Begriffe wie „Kiffer”, „Stoner” oder „Junkie” wurden und werden genutzt, um Konsumenten zu karikieren und an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Dieses Bild hat sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt – auch nach der Legalisierung.
Dabei unterscheiden Fachleute zwischen zwei Formen des Stigmas:
Das externe Stigma beschreibt die Wahrnehmung von außen: die abwertenden Blicke, die abfälligen Kommentare, die gesellschaftliche Abwertung. Man glaubt oder erlebt, dass andere Menschen einen negativ beurteilen, weil man Cannabis konsumiert.
Das Selbststigma geht noch tiefer: Hier hat die Person das negative gesellschaftliche Bild verinnerlicht. Sie schämt sich selbst, glaubt, dass der gesellschaftliche Vorwurf berechtigt ist, und verbirgt ihren Konsum – nicht aus Vernunft, sondern aus Scham.
Die Zahlen: Was eine Studie aus Deutschland enthüllt
Im September 2025 veröffentlichten Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und der Universität Leipzig eine der ersten umfassenden wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema Cannabis-Stigma in Deutschland. Die Studie wurde im Journal of Cannabis Research publiziert.
Wer wurde befragt?
Befragt wurden 684 Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren, die Cannabis mindestens einmal im Monat konsumierten. Die Stichprobe wurde anhand von Alter, Geschlecht, Bildung und Bundesland so zusammengestellt, dass sie die demografische Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung widerspiegelt. Die Befragung fand 2023 statt – noch vor Inkrafttreten des Cannabisgesetzes im April 2024.
Die zentralen Ergebnisse
30,6 % der befragten Cannabis-Konsumierenden berichteten von wahrgenommenem externen Stigma: Sie fühlten sich von anderen negativ bewertet, ausgegrenzt oder abgestempelt.
22,1 % berichteten von Selbststigma: Sie hatten das negative gesellschaftliche Bild internalisiert und schämten sich für ihren eigenen Konsum.
Besonders gravierend fiel das Ergebnis für eine Gruppe aus, die man eigentlich als besonders schutzbedürftig betrachten sollte: Medizinische Cannabis-Patientinnen und -Patienten. Von ihnen gaben 47,1 % an, Stigmatisierung erlebt zu haben – weit mehr als nicht-medizinische Konsumierende. Das Selbststigma lag bei dieser Gruppe sogar bei 41,9 %.
Zudem zeigten die Daten: Wer offen über seinen Konsum spricht, erlebt mehr Stigmatisierung. Und wer bereits Probleme mit der Polizei wegen Cannabis hatte, berichtete ebenfalls deutlich häufiger von externem wie internalisiertem Stigma.
Warum sind ausgerechnet Patienten am stärksten betroffen?
Das erscheint zunächst paradox: Menschen, die Cannabis auf ärztliche Anweisung als Medizin verwenden, sollten eigentlich die gesellschaftliche Akzeptanz auf ihrer Seite haben. Doch die Realität sieht anders aus.
Die Autoren der Studie erklären dies mit einem strukturellen Problem: In der öffentlichen Wahrnehmung gilt Cannabis nach wie vor primär als „illegale Droge” und nicht als Arzneimittel. Patienten, die Cannabis verschrieben bekommen, werden deshalb oft als Personen wahrgenommen, die sich unter medizinischem Deckmantel eine Droge verschaffen – nicht als Kranke, die behandelt werden.
Eine qualitative Studie aus dem Fachmagazin BMC Public Health bestätigt dieses Bild: Patienten berichten davon, von Ärzten nicht ernst genommen zu werden, am Arbeitsplatz diskriminiert zu werden und auf Polizistinnen und Polizisten zu treffen, die keinen Unterschied zwischen medizinischem und Freizeitkonsum machen können.
Die Folge: Patientinnen und Patienten schweigen über ihre Therapie, verheimlichen ihre Medikation und tragen die Scham allein.
Was hat die Legalisierung verändert?
Die Teillegalisierung von April 2024 hat durchaus Verbesserungen gebracht. Die große KonCanG-Befragungsstudie aus dem Jahr 2025, an der 11.471 Personen teilnahmen, zeigt deutliche positive Effekte:
77 % der Befragten gaben an, seit dem Gesetz keine Angst mehr vor Strafverfolgung zu haben.
69 % berichteten von weniger Hemmnissen, sich im Zweifelsfall Hilfe zu suchen.
61 % fühlten sich weniger beobachtet als zuvor.
59 % gaben an, sich akzeptierter zu fühlen.
Das sind echte Fortschritte. Weniger Angst, weniger Scham, mehr Bereitschaft, professionelle Unterstützung anzunehmen – das sind messbare positive Folgen der Entkriminalisierung.
Doch die Studie des UKE zeigt gleichzeitig: Die gesellschaftliche Stigmatisierung ist damit noch lange nicht verschwunden. Gesetze ändern Regeln. Einstellungen ändern sich langsamer.
Wer ist besonders betroffen?
Die Studie identifiziert mehrere Gruppen, die einem besonders hohen Stigma-Risiko ausgesetzt sind:
Menschen mit hohem psychischem Leidensdruck erleben deutlich mehr Stigmatisierung – ein Teufelskreis, denn das Stigma selbst kann psychische Belastung verstärken.
Menschen mit höherer Bildung – das klingt zunächst überraschend, erklärt sich aber dadurch, dass sie sich in sozialen oder beruflichen Umfeldern bewegen, in denen Cannabis besonders negativ bewertet wird. Die Angst vor Statusverlust ist real.
Wer Cannabis zu medizinischen Zwecken konsumiert, ist – wie bereits beschrieben – am stärksten betroffen.
Menschen, die eine Cannabis-Konsumstörung entwickelt haben, erleben ebenfalls deutlich mehr Stigma. Auch hier ist die Wechselwirkung fatal: Wer sich für seinen Konsum schämt, sucht seltener Hilfe.
Warum Stigma gefährlich ist
Stigmatisierung ist kein bloßes Gefühl – sie hat reale Konsequenzen.
Menschen, die Angst haben, verurteilt zu werden, gehen seltener zum Arzt, sprechen seltener über ihren Konsum und suchen seltener Hilfe, wenn der Konsum problematisch wird. Genau das ist der Mechanismus, den internationale Studien immer wieder belegen: Stigma ist eine der größten Barrieren für die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten.
Das gilt nicht nur für Abhängigkeitsproblematiken. Es betrifft auch Menschen, die Cannabis als Selbstmedikation einsetzen – etwa bei chronischen Schmerzen, Schlafstörungen oder Angstzuständen – und die aus Scham keinen Arzt aufsuchen. Sie bleiben ohne professionelle Begleitung und ohne Qualitätskontrolle des Produkts.
Gleichzeitig fördert Stigma den Rückzug in informelle oder illegale Beschaffungskanäle. Wer sich schämt, sucht Wege, die ihn unsichtbar machen – auch wenn diese Wege unsicherer sind.
Was können Anbauvereinigungen dazu beitragen?
Cannabis Social Clubs und Anbauvereinigungen wie der Cannabis Club Arnstadt e.V. leisten hier einen wichtigen Beitrag – auch wenn das auf den ersten Blick nicht offensichtlich erscheint.
Anbauvereinigungen schaffen einen legalen, kontrollierten und gemeinschaftlichen Rahmen für den Konsum. Mitglieder bewegen sich in einer Umgebung, in der Cannabis keine Scham auslöst, sondern sachlich und verantwortungsvoll behandelt wird. Das wirkt dem Selbststigma aktiv entgegen.
Gleichzeitig sorgen Vereinigungen für Transparenz und Qualität: Wer weiß, was er konsumiert, muss nicht auf zwielichtige Quellen zurückgreifen. Und wer seinen Bezugsweg nicht verstecken muss, kann offener mit dem Thema umgehen.
Nicht zuletzt sind Anbauvereinigungen Orte der sozialen Normalisierung: Je mehr Menschen Cannabis in einem legalen, respektvollen Umfeld begegnen, desto schneller verändert sich die gesellschaftliche Wahrnehmung – langfristig.
Legalisierung ist der Anfang, nicht das Ende
Das Gesetz hat sich geändert. Die Köpfe noch nicht vollständig. Das ist der Kern des Problems.
Stigmatisierung von Cannabis-Konsumierenden ist kein Randthema – sie betrifft nach aktuellen Zahlen fast jeden dritten regelmäßigen Konsumenten in Deutschland. Sie schadet der psychischen Gesundheit, verhindert Hilfesuche und treibt Menschen in die Illegalität.
Der Weg zu einer wirklich aufgeklärten Gesellschaft führt über sachliche Information, offene Gespräche und strukturelle Veränderungen. Anbauvereinigungen, Aufklärungsarbeit und wissenschaftlich fundierte Artikel wie dieser sind ein Teil dieser Veränderung.
Wer offen über Cannabis spricht, trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen. Und das beginnt mit dem Mut, das Thema nicht zu tabuisieren.
Quellen
- Rosenkranz M. et al. – “Those pot heads”: Perceived external stigma and self-stigma among cannabis users in Germany. Journal of Cannabis Research, September 2025 (PMC)
- Marincolo S. – Germany’s Hidden Stigma Crisis: Why Pillar 2 is Still Sorely Needed. Business of Cannabis, Dezember 2025
- Stallwitz A., Steimle L., Werse B. – Cannabis in Deutschland: Update nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes (KonCanG-Studie 2025). Universimed / Jatros, Juni 2026
- Manthey J. et al. – Evaluation des Konsumcannabisgesetzes (EKOCAN): 2. Zwischenbericht. 2026
- Bundesbeauftragte für Sucht und Drogen – Cannabis: Zahlen, Daten, Fakten. Datenportal Sucht und Drogen 2026


