S1 – Selbstbestäubend: Wie eine Cannabis-Pflanze sich selbst klont und warum das für Grower Gold wert ist

7. September 2026

Eine Mutterpflanze, kein Männchen, 100 % weibliche Samen – und trotzdem genetisch fast identisch mit dem Original. Das ist das Versprechen von S1-Genetik. Doch wie funktioniert das? Was passiert dabei biologisch? Und wann ist S1 die richtige Wahl?

 

Was bedeutet S1?

S1 steht für „Selfed 1″ – die erste Generation aus einer Selbstbestäubung (selbstbestäubend). Der Begriff „selfed” leitet sich vom englischen „to self” ab, was in der Botanik bedeutet: eine Pflanze bestäubt sich mit ihrem eigenen Pollen.

Genauer gesagt: Es gibt keine F1-Kreuzung zweier unterschiedlicher Elternteile – stattdessen erzeugt eine einzige weibliche Pflanze sowohl die Eizellen als auch die Pollen und bestäubt sich damit selbst. Das Ergebnis nennt sich S1.

Cannabis Kreuzung - S1 - feminisiert
Cannabis Kreuzung – S1 – “selfed” zu Deutsch feminisiert

 

Das biologische Problem: Weibliche Pflanzen haben keinen Pollen

Cannabis ist normalerweise zweihäusig – das heißt, es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Nur männliche Pflanzen produzieren von Natur aus Pollen. Um eine Selbstbestäubung zu ermöglichen, muss man eine weibliche Pflanze also zunächst dazu bringen, männliche Blüten zu entwickeln – ein Prozess, den Züchter gezielt herbeiführen.

 

Wie wird S1 hergestellt? Die Rolle von STS

In der professionellen Saatgutproduktion wird dafür fast ausschließlich Silberthiosulfat (STS) verwendet – ein chemisches Mittel, das die Ethylenproduktion der Pflanze hemmt. Ethylen ist das Pflanzenhormon, das die weibliche Geschlechtsdifferenzierung steuert. Ohne Ethylen entwickelt die Pflanze männliche Pollensäcke – obwohl sie genetisch weiblich ist.

Schritt für Schritt:

  1. Eine ausgewählte weibliche Mutterpflanze wird mit einer STS-Lösung besprüht, sobald sie anfängt zu blühen.

  2. Die Behandlung wird über 2–3 Wochen alle paar Tage wiederholt.

  3. Auf den behandelten Zweigen entwickeln sich männliche Pollensäcke.

  4. Dieser Pollen enthält ausschließlich weibliche Chromosomen (XX) – kein Y-Chromosom ist vorhanden.

  5. Die Pflanze wird mit ihrem eigenen Pollen bestäubt.

  6. Die entstehenden Samen sind die S1-Generation – und zu nahezu 100 % feminisiert.

Neben STS gibt es auch die Methode mit kolloidalem Silber (30 ppm) oder – als natürliche, aber weniger zuverlässige Alternative – die sogenannte Rodelisierung, bei der eine Pflanze stark über ihre Blütezeit hinaus gestresst wird, bis sie aus eigenem Antrieb männliche Blüten entwickelt.

Wichtig: Behandelte Pflanzenteile dürfen niemals konsumiert werden, da sich Silber systemisch in der Pflanze einlagert.

 

Was macht S1-Samen so besonders?

Der größte Vorteil von S1: Der Züchter wählt die beste Mutterpflanze aus – eine, die alle gewünschten Eigenschaften hat, sei es ein bestimmtes Aromaprofil, Wuchsform, Wirkstärke oder Resistenz – und „verewigt” diese Pflanze als Samen. Die Nachkommen ähneln der Mutterpflanze in ihren Eigenschaften sehr stark.

Typische Eigenschaften von S1-Samen:

  • Nahezu 100 % weibliche Pflanzen – kein Aussortieren von Männchen nötig

  • Nachkommen ähneln der Mutterpflanze genetisch stark

  • Ideal, um einen bewährten Eliteklon in Samenform zu erhalten

  • Praktisch für Grower, die auf einen bestimmten Phänotyp schwören

  • Kein zweites Elternteil erforderlich – der genetische Beitrag kommt zu 100 % von der Mutterpflanze

 

Unterschied zwischen S1 und normalen feminisierten Samen

Viele Grower wissen nicht: Die meisten feminisierten Samen auf dem Markt sind S1-Samen – auch wenn das nicht immer explizit so genannt wird. Wenn eine Saatgutbank einen Strain feminisiert, gibt sie dabei in der Regel an, wie genau das gemacht wurde. Bei S1 kommt der Pollen von derselben Pflanze wie die Eizellen. Bei anderen feminisierten Kreuzungen kann der Pollen von einer anderen weiblichen Spenderpflanze stammen.

 

S1 und die Frage der Zwitter-Tendenz

Ein oft diskutiertes Thema: Sind S1-Samen anfälliger für Zwittertum (Hermaphroditismus)?

Die ehrliche Antwort: Es kommt auf die Qualität der Mutterpflanze an. Hat die ursprüngliche Mutterpflanze von Natur aus eine leichte Tendenz zur Zwitter-Bildung, wird diese Eigenschaft durch die Selbstbestäubung verstärkt – denn es gibt keinen zweiten Elternteil, der diese Tendenz abschwächen könnte.

Professionelle Züchter selektieren deshalb ausschließlich Mutterpflanzen, die keinerlei Zwittertendenz zeigen, bevor sie S1-Samen produzieren. Bei seriösen Herstellern ist die Hermaphroditen-Rate deshalb sehr gering. Billiger produzierte S1-Samen ohne diese sorgfältige Selektion können dagegen häufiger Zwitter entwickeln.

 

Wofür sind S1-Samen ideal?

S1-Genetik ist die richtige Wahl, wenn du:

  • Auf eine bestimmte Sorte oder einen bestimmten Phänotyp schwörst und diesen zuverlässig reproduzieren möchtest

  • 100 % weibliche Pflanzen ohne das Risiko männlicher Exemplare willst

  • Einen bekannten Eliteklon in handlicher Samenform haben möchtest

  • Die Ressourcen und den Platz sparst, die sonst für das Aussortieren männlicher Pflanzen draufgehen

Weniger geeignet sind S1-Samen, wenn du an Pheno-Hunting oder an der Entwicklung neuer Kreuzungen interessiert bist – dafür bieten IBL-Linien oder reguläre Samen mehr Spielraum.

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