Herzstolpern durch Cannabis? Neue Studie zeigt das Gegenteil

21. August 2026

 

Wer bei Cannabis an Herzprobleme denkt, liegt gar nicht so falsch – die bisherige Forschung hat den Wirkstoff immer wieder mit Herzrhythmusstörungen in Verbindung gebracht. Umso überraschender ist das Ergebnis einer neuen, hochrangig publizierten Studie aus den USA: Die Inhalation von Cannabis scheint bei regelmäßigen Konsumenten bestimmte Formen des Herzstolperns kurzfristig zu reduzieren. Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, gibt der Wissenschaft wichtige neue Impulse – und stellt einige bisherige Annahmen infrage.

Was sind Vorhof-Extrasystolen – und warum sind sie wichtig?

Das Herz schlägt normalerweise in einem regelmäßigen Rhythmus. Manchmal kommt es jedoch zu vorzeitigen, „extra” Herzschlägen, die außerhalb des normalen Taktes auftreten – sogenannte Extrasystolen. Je nachdem, wo im Herz sie entstehen, unterscheidet man:

Vorhof-Extrasystolen (Premature Atrial Contractions, PACs) entstehen in den Vorhöfen, also den oberen Herzkammern. Sie gelten als der stärkste bekannte Risikofaktor für die Entwicklung von Vorhofflimmern – einer weit verbreiteten und gefährlichen Herzrhythmusstörung.

Ventrikuläre Extrasystolen (Premature Ventricular Contractions, PVCs) entstehen in den Herzkammern und können langfristig mit Herzinsuffizienz in Verbindung stehen.

Für viele Menschen sind Extrasystolen harmlos und kaum spürbar – andere beschreiben sie als unangenehmes „Herzstolpern”, kurzes Aussetzen oder einen starken Schlag in der Brust. Obwohl diese Phänomene sehr häufig vorkommen, ist bislang wenig darüber bekannt, welche Faktoren ihre Häufigkeit beeinflussen.

Die Studie: MARY-JANE – ein ungewöhnliches Experiment

Die Studie mit dem treffenden Namen MARY-JANE (Marijuana and Acute Risk of Arrhythmia – Joint Abstinence and Exposure) wurde von der University of California, San Francisco (UCSF) durchgeführt und im August 2026 im renommierten Journal of the American College of Cardiology (JACC) veröffentlicht.

Wie wurde die Studie durchgeführt?

An der Studie nahmen 108 Erwachsene teil, die regelmäßig Cannabis rauchten oder vapten und bislang keine diagnostizierten Herzrhythmusstörungen hatten. Der Altersdurchschnitt lag bei 32 Jahren, 59 % der Teilnehmenden waren Frauen.

Über einen Zeitraum von 14 Tagen wurden die Teilnehmer täglich per SMS zufällig einer von zwei Gruppen zugeteilt: entweder sollten sie Cannabis inhalieren oder vollständig darauf verzichten. Insgesamt wurden 713 Cannabis-Tage und 616 Abstinenz-Tage ausgewertet.

Das Besondere: Jeder Teilnehmer war gleichzeitig seine eigene Kontrollgruppe. Die Probanden trugen dauerhaft:

einen EKG-Monitor (Zio-Patch) zur lückenlosen Herzaufzeichnung, einen Aktivitätstracker, einen Schlafmonitor sowie einen kontinuierlichen Glukosemesser.

Damit gehört diese Studie zu den ersten, die kardiovaskuläre Auswirkungen von Cannabis unter realen Alltagsbedingungen in Echtzeit messen konnten – statt auf Selbstauskünfte oder Krankenakten angewiesen zu sein.

Das überraschende Ergebnis

Die Auswertung zeigte: An Tagen, an denen Cannabis inhaliert wurde, traten 9 % weniger Extrasystolen auf als an Abstinenz-Tagen (Ratenverhältnis: 0,91; 95%-KI: 0,85–0,98; p = 0,02).

Der Effekt war vor allem auf eine Reduktion der Vorhof-Extrasystolen um 10 % zurückzuführen. Bei den ventrikulären Extrasystolen zeigte sich hingegen kein signifikanter Unterschied.

Zusätzlich konnte jeder einzelne Cannabis-Konsum-Moment mit einer 2-prozentigen Reduktion der Extrasystolen in Verbindung gebracht werden.

Ebenfalls überraschend: Zwischen Cannabis-Tagen und Abstinenz-Tagen zeigten sich keine nennenswerten Unterschiede bei der täglichen Schrittzahl, der Schlafdauer oder den Glukosewerten.

Was bedeuten diese Ergebnisse?

Eine wissenschaftliche Überraschung

Studienleiter Prof. Gregory Marcus, Experte für Vorhofflimmern an der UCSF, brachte die Reaktion des Teams auf den Punkt:

„Wir waren von den Ergebnissen überrascht, weil sie unserer ursprünglichen Hypothese widersprachen. Genau deshalb sind randomisierte Studien so wichtig. Wenn die Daten unsere Erwartungen herausfordern, ist es unsere Aufgabe als Wissenschaftler, sie zu verstehen – und nicht zu ignorieren.”

Bisherige Forschung hatte Cannabis eher mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern und andere Herzprobleme in Verbindung gebracht. Die MARY-JANE-Studie liefert nun ein differenzierteres Bild und zeigt, wie wichtig es ist, zwischen kurzfristigen akuten Effekten und langfristigen Risiken zu unterscheiden.

Kein Freifahrtschein für den Herzpatienten

Die Forscher betonen ausdrücklich: Diese Ergebnisse sind kein Beweis dafür, dass Cannabis gut für das Herz ist oder als Therapie bei Herzrhythmusstörungen eingesetzt werden sollte.

Prof. Marcus ergänzte:

„Diese Studie hat die akuten Effekte von Cannabis bei Personen untersucht, die es regelmäßig konsumieren, und war nicht darauf ausgelegt, die langfristigen gesundheitlichen Folgen zu bewerten. Die Gesamtauswirkungen von inhaliertem Cannabis auf die Gesundheit können trotzdem netto negativ sein.”

Auch die Methodik hat Grenzen: Die Einhaltung der täglichen Zuteilung war nicht perfekt – nicht alle Teilnehmer folgten den Anweisungen vollständig. Zudem können Entzugseffekte an Abstinenz-Tagen (also mehr Extrasystolen durch den Verzicht selbst) die Ergebnisse beeinflusst haben. Weitere Faktoren wie Koffein, Alkohol oder Stress wurden nicht vollständig kontrolliert.

Türöffner für neue Forschung

Was die Studie jedoch leistet: Sie öffnet eine Tür für weiterführende Forschung. Denn wenn Cannabis tatsächlich etwas bewirkt, das die Vorhof-Extrasystolen kurzfristig senkt, könnte dieses Wissen eines Tages helfen, die biologischen Mechanismen hinter diesem Phänomen besser zu verstehen – und möglicherweise neue Ansätze zur Behandlung von Vorhofflimmern zu entwickeln.

Herzstolpern und Cannabis – was wir bisher wussten

Bis zu dieser Studie war das Bild eindeutiger: Beobachtungsstudien hatten Cannabis mit einem erhöhten Risiko für Vorhofflimmern, Herzinfarkt und andere kardiovaskuläre Ereignisse in Verbindung gebracht. Akute Herzfrequenzerhöhungen nach dem Konsum sind bekannt und gut dokumentiert.

Das Problem bei Beobachtungsstudien ist jedoch, dass sie nur Korrelationen zeigen – nicht Kausalitäten. Wer Cannabis konsumiert, unterscheidet sich in vielen Eigenschaften von Menschen, die es nicht tun. Randomisierte Studien wie MARY-JANE liefern hier belastbarere Daten.

Was bedeutet das für Cannabiskonsumenten?

Die ehrliche Antwort lautet: Noch wissen wir es nicht genau. Die Studie ist ein wichtiger Schritt, aber keineswegs das letzte Wort. Was sie zeigt: Cannabis und Herzgesundheit ist ein deutlich komplexeres Thema als bisher angenommen.

Für Menschen, die bereits unter Herzrhythmusstörungen leiden, gilt: Eigenexperimente sind keine Therapie. Cardiale Erkrankungen müssen immer ärztlich begleitet werden. Cannabis ist kein Medikament gegen Herzstolpern – zumindest nicht auf Basis des aktuellen Wissensstands.

Was diese Studie jedoch klar macht: Die Wissenschaft muss differenzierter hinschauen, statt pauschal zu urteilen.

 

Die MARY-JANE-Studie der UCSF liefert eine der ersten randomisierten, im Alltag durchgeführten Untersuchungen zu den akuten Herzwirkungen von inhaliertem Cannabis. Das überraschende Ergebnis – 9 % weniger Herzstolpern an Cannabis-Tagen – widerspricht bisherigen Annahmen und gibt der Forschung neue Impulse. Gleichzeitig warnen die Wissenschaftler ausdrücklich davor, diesen Befund als Empfehlung zu interpretieren.

Cannabis und das Herz: ein Thema, das uns noch lange beschäftigen wird.

 

 

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

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