Cannabis statt Opioid: Das Münchner Schmerzmittel VER-01 sorgt für Aufsehen

22. Juni 2026

Millionen Menschen leiden unter chronischen Rückenschmerzen. Viele nehmen dauerhaft starke Schmerzmittel – darunter auch Opioide. Genau hier will ein Unternehmen aus Bayern ansetzen: Vertanical aus Gräfelfing bei München hat mit VER-01 ein neuartiges Cannabis-Schmerzmittel entwickelt.

Unter dem Markennamen Exilby soll das Präparat Patienten helfen, die unter chronischen Rückenschmerzen mit Nervenbeteiligung leiden. Die Erwartungen sind groß. Doch Fachleute mahnen auch zur Vorsicht.

Was ist VER-01?

VER-01 ist ein standardisierter Cannabis-Vollspektrumextrakt. Das bedeutet: Es enthält nicht nur einen einzelnen Wirkstoff, sondern mehrere Inhaltsstoffe der Cannabispflanze. Dazu gehört auch THC.

Das Medikament wird als orale Lösung eingenommen, also in Tropfenform. Es unterscheidet sich damit deutlich von medizinischen Cannabisblüten. VER-01 ist ein Fertigarzneimittel mit standardisierter Dosierung.

Hergestellt wird der Extrakt aus der Cannabis-sativa-Sorte DKJ127. In der Studie lag die mittlere THC-Tagesmenge bei knapp 20 Milligramm. Rauschzustände wie beim Inhalieren von Cannabis wurden laut Studienleiter nicht beobachtet.

Wer steckt hinter dem Cannabis-Medikament?

Entwickelt wurde VER-01 vom Biopharmaunternehmen Vertanical. Der Sitz liegt in Gräfelfing bei München. Gründer ist Dr. Clemens Fischer.

Fischer will mit VER-01 die klassische Schmerztherapie herausfordern. Gegenüber Medien kritisierte er, dass große Pharmaunternehmen seit Jahrzehnten keine neue Schmerzmittelklasse gegen chronische Schmerzen auf den Markt gebracht hätten.

Nach Angaben des Unternehmens stecken mehr als sieben Jahre Forschung und hohe Investitionen in dem Präparat.

Wofür ist VER-01 zugelassen?

Die Zulassung gilt nicht für alle Rückenschmerzen. Laut Berichten beschränkte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Freigabe auf chronische Rückenschmerzen, die mit einer Erkrankung des Nervensystems zusammenhängen.

Das ist wichtig: VER-01 ist also nicht einfach ein Cannabis-Mittel gegen jeden Rückenschmerz. Es richtet sich vor allem an Patienten, bei denen übliche Mittel wie Ibuprofen oder Paracetamol nicht ausreichend wirken.

Die Zulassung gilt für Deutschland und Österreich. Der Marktstart unter dem Namen Exilby ist laut Hersteller für September geplant.

Was zeigen die Studien?

Grundlage der Zulassung sind zwei Phase-3-Studien mit insgesamt über 1.200 Patienten.

In einer Studie mit 820 Patienten wurde VER-01 mit einem Placebo verglichen. Nach zwölf Wochen sank die Schmerzintensität:

  • mit VER-01 um etwa 1,9 Punkte
  • mit Placebo um etwa 1,4 Punkte

Der Unterschied lag also bei rund 0,5 bis 0,6 Punkten.

Zusätzlich berichteten Patienten über besseren Schlaf und mehr Beweglichkeit im Alltag.

Eine zweite Studie verglich das Präparat mit einem Opioid. Laut Hersteller zeigte VER-01 dabei eine bessere Magen-Darm-Verträglichkeit und keine Hinweise auf Abhängigkeit oder Missbrauch.

Warum ist das wichtig?

Opioide können bei starken Schmerzen helfen, bergen aber Risiken. Dazu gehören Abhängigkeit, Toleranzentwicklung und schwere Nebenwirkungen. Bei Opioid-Therapien entwickeln laut Studienautoren etwa 20 Prozent der Patienten eine Abhängigkeit oder Toleranz.

VER-01 könnte deshalb für bestimmte Patienten eine neue Option sein: ein Cannabis-basiertes Schmerzmittel, das nicht zur Klasse der Opioide gehört.

Was sagen Kritiker?

Trotz der positiven Schlagzeilen gibt es Kritik.

Prof. Ulrike Bingel vom Universitätsklinikum Essen bewertet den Unterschied zum Placebo als gering. Der Effekt von rund 0,5 Punkten sei nach internationalen Standards nicht klar klinisch relevant. Außerdem brachen laut Bericht 17,3 Prozent der Patienten die Therapie wegen Nebenwirkungen ab – in der Placebogruppe waren es 3,5 Prozent.

Auch Prof. Frank Petzke, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, spricht nicht von einer Revolution. Für ihn ist VER-01 eine zusätzliche Therapieoption – aber Medikamente seien bei chronischen Rückenschmerzen nur ein Baustein neben Bewegung, Physio- und Psychotherapie.

Welche Nebenwirkungen wurden beobachtet?

In der Studie traten Nebenwirkungen unter VER-01 häufiger auf als unter Placebo. Genannt wurden vor allem:

  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Müdigkeit
  • Mundtrockenheit

Laut Studienautoren wurde VER-01 insgesamt gut vertragen, besonders bei längerer Anwendung.

FDA Breakthrough Status: Was bedeutet das?

Die US-Arzneimittelbehörde FDA verlieh VER-01 im Mai 2026 den Status Breakthrough Therapy Designation. Das klingt nach Zulassung, ist es aber nicht.

Es bedeutet: Die FDA erkennt ein besonderes Potenzial und begleitet die weitere Entwicklung enger und schneller. Eine Marktzulassung in den USA ist damit noch nicht verbunden.

Neue Hoffnung – aber kein Wundermittel

VER-01 von Vertanical ist ein spannender Schritt für die medizinische Nutzung von Cannabis. Es ist ein standardisiertes Fertigarzneimittel gegen chronische Rückenschmerzen mit Nervenbeteiligung und könnte für bestimmte Patienten eine Alternative zu klassischen Schmerzmitteln sein.

Die Studien zeigen Vorteile bei Schmerz, Schlaf und Beweglichkeit. Gleichzeitig ist der Abstand zum Placebo überschaubar, und Nebenwirkungen müssen ernst genommen werden.

Kurz gesagt:

VER-01 ist keine Wunderpille – aber eine ernstzunehmende neue Option in der Schmerztherapie.

Quellen

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