Cannabis Views: Wenn Migräne das Leben stoppt

10. Juni 2026

Mit „Cannabis Views“ startet der Cannabis Club Arnstadt e.V. ein neues Blog-Format, in dem unsere Mitglieder ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Cannabis teilen. Offen, ehrlich und nah am echten Leben berichten sie darüber, welche Rolle Cannabis für sie spielt, welche Erfahrungen sie gemacht haben und welche Perspektiven daraus entstanden sind. So möchten wir informieren, Vorurteile abbauen und zeigen, wie vielfältig die Sichtweisen auf Cannabis sein können.

Migräne ist mehr als Kopfschmerz. Für viele Betroffene bedeutet sie Kontrollverlust, Rückzug und starke Einschränkungen im Alltag. Besonders chronische Migräne kann das Leben dauerhaft verändern. Dieser persönliche Erfahrungsbericht zeigt, welche Rolle medizinisches Cannabis bei Migräne spielen kann.

Seit 2002 leide ich unter Migräne. Vor etwa zehn Jahren wurden die Anfälle stärker und deutlich häufiger. Heute habe ich im Durchschnitt drei Migräneattacken pro Woche. Zwei davon treten meist ohne Aura auf, eine mit Aura.

Bei einer Migräne mit Aura gibt es ein klares Warnsignal. Mein Sichtfeld bekommt einen grünen Schleier, fast so, als würde ich durch eine grüne Bierflasche schauen. Danach kommt ein Tinnitus. Kurz darauf beginnt der starke Schmerz.

Dieser Ablauf dauert oft nur 15 bis 30 Minuten. Der Schmerz fühlt sich an, als würde ein eiskaltes Messer in den Bereich über meinen Augen gestoßen. Licht, Geräusche, Gerüche und sogar Berührungen können dann unerträglich werden.

Einmal war der Schmerz so stark, dass ich dachte, es wäre weniger schlimm, mir die Augen zu entfernen. Stattdessen rief ich den Rettungsdienst.

Seit 2016 bin ich am Universitätsklinikum Jena in Behandlung. Ich habe viele Ärzte gesehen und zahlreiche Medikamente und Therapien ausprobiert, darunter auch Botox. Am Ende hieß es: Die Migräne ist chronisch und aktuell nicht heilbar. Ich müsse lernen, damit zu leben.

Für schwere Anfälle bekam ich Tilidin und Ibuprofen 600 mg. Außerdem wurde ich in Erwerbsminderungsrente geschickt.

Mehrfach fragte ich Ärzte nach medizinischem Cannabis. Die Reaktionen waren oft abweisend. Es wirkte, als würde ich nach Freizeitdrogen fragen und nicht nach einer möglichen medizinischen Behandlung. Gleichzeitig war man bereit, mir ein opioidhaltiges Medikament wie Tilidin zu verschreiben.

Ich wollte jedoch nicht zusätzlich das Risiko einer Opioidabhängigkeit eingehen. Vor allem nicht bei mehreren Migräneattacken pro Woche.

Ein Arzt sagte mir später vertraulich, dass viele Mediziner bei Cannabis zurückhaltend seien.

Der Grund sei oft der hohe Aufwand gegenüber den Krankenkassen. Es müsse genau dokumentiert werden, dass andere Therapien nicht ausreichend geholfen haben.

Aus Verzweiflung begann ich 2017, eigenes Cannabis anzubauen. Erfahrung hatte ich bereits aus einem anderen Land. Dort hatte ich medizinisches Cannabis für meine Großmutter während ihrer Krebsbehandlung angebaut.

Heute erhalte ich Cannabis legal über einen Privatarzt. Die Sorten und Dosierungen werden auf meine Bedürfnisse abgestimmt.

Wenn eine Aura beginnt, bleiben mir etwa 15 Minuten Zeit. In diesem kurzen Fenster kann ich versuchen, die Migräne aufzuhalten. Wenn der Anfall erst vollständig da ist, hilft meist nur noch Zeit.

Ich bevorzuge das Verdampfen von Cannabis. Rauchen, besonders mit Tabak, verschlimmert meine Symptome oft.

Wenn ich schnell genug ausreichend Cannabis verdampfe, stoppt die Aura häufig. Dann entwickelt sich die Migräne nicht vollständig. Bei mir funktioniert das in etwa 70 Prozent der Fälle.

Manchmal kombiniere ich Cannabis zusätzlich mit Ibuprofen, Koffein oder Ingwer. Koffein nehme ich zum Beispiel über Kaffee oder einen Energy Drink zu mir. Ingwer nutze ich als Bonbon oder konzentrierten Shot.

Wenn diese Kombination wirkt, geht es mir meist innerhalb von 30 Minuten deutlich besser.

In etwa 30 Prozent der Fälle setzt sich die Migräne trotzdem durch. Das passiert zum Beispiel, wenn ich die Warnzeichen zu spät erkenne, nicht rechtzeitig reagieren kann oder der Anfall einfach zu stark ist.

Dann nutze ich ein essbares Cannabisprodukt auf Indica-Basis. Edibles wirken langsamer, halten dafür aber oft sechs Stunden oder länger an. Verdampftes Cannabis wirkt schnell, aber meist nur ein bis zwei Stunden.

Der Schmerz verschwindet dadurch nicht immer komplett. Aber er wird für mich deutlich erträglicher.

Migräne ohne Aura ist schwieriger. Sie kommt ohne Warnung. Oft ist sie weniger heftig als eine Aura-Migräne, aber trotzdem stark genug, um den Alltag zu stören.

Bei diesen Anfällen nutze ich ein anderes Cannabisprofil. Ich bevorzuge eine sativadominante Sorte in Kombination mit einer CBD-reichen Sorte. Häufig verwende ich ein Verhältnis von etwa 50 zu 50.

Ich verdampfe so lange, bis ich eine spürbare Erleichterung merke.

Für mich wirkt Cannabis nicht nur auf den Schmerz. Es verbessert auch meine Fähigkeit, den Schmerz auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Medizinisches Cannabis ist nicht für jeden leicht zugänglich. Arztbesuche und private Rezepte können teuer werden. Besonders für Menschen mit normalem Einkommen ist das eine große Hürde.

Genau deshalb ist ein breiterer legaler Zugang wichtig. Wenn Cannabis die Lebensqualität eines Menschen verbessern kann, sollte es als Behandlungsoption ernsthaft geprüft werden.

Ich bin kein Arzt. Ich fordere niemanden dazu auf, Gesetze zu brechen oder sich illegal selbst zu behandeln. Ich teile nur meine persönliche Erfahrung.

Für mich ist Cannabis kein klassisches Schmerzmittel. Es hilft auf zwei Arten. Es senkt die Schmerzintensität. Und es erhöht meine mentale Belastbarkeit während eines Anfalls.

Diese Kombination macht für mich den Unterschied. Ich kann manche Migräneattacken stoppen, andere abmildern und insgesamt besser mit meiner Erkrankung leben.

Chronische Migräne hat mein Leben stark verändert. Sie hat mich in die Erwerbsminderungsrente gebracht und mich gezwungen, viele Jahre nach einer wirksamen Behandlung zu suchen.

Medizinisches Cannabis ist keine Heilung. Meine Migräne ist nicht verschwunden. Sie kommt weiterhin mehrmals pro Woche.

Aber Cannabis gibt mir etwas zurück, das bei chronischer Migräne besonders wertvoll ist: Kontrolle.

Es hilft mir, manche Anfälle früh zu stoppen, andere besser zu ertragen und mehr Lebensqualität zu behalten.

Für mich hat genau das alles verändert.

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