Cannabis Entzug: Gibt es das wirklich – oder ist es nur der Tabak im Joint?

19. September 2026

 

Schlaflos, gereizt, appetitlos, innerlich unruhig: Wer nach Jahren des regelmäßigen Konsums versucht, mit Cannabis aufzuhören, erlebt oft genau das. Jahrzehntelang hieß es, Cannabis mache nicht körperlich abhängig und einen echten Entzug gebe es nicht. Heute weiß die Medizin es besser. Das Cannabis-Entzugssyndrom ist offiziell anerkannt, gut erforscht und in den internationalen Diagnosehandbüchern verankert.

Doch es gibt eine zweite, weit weniger beachtete Seite der Geschichte. Denn der klassische Joint enthält in Deutschland meist nicht nur Cannabis, sondern auch Tabak. Und Nikotin hat sein ganz eigenes, sehr gut dokumentiertes Entzugssyndrom. Die spannende Frage lautet deshalb: Was spürt man da eigentlich beim Aufhören? Ist es das Cannabis, ist es der Tabak, oder ist es beides gleichzeitig? Die Forschung hat darauf klare Antworten gefunden, und sie sind für alle relevant, die ihren Konsum überdenken.

Gibt es ein Cannabis-Entzugssyndrom? Ja, und es ist offiziell anerkannt

Die Antwort ist eindeutig: Ja, das Cannabis-Entzugssyndrom existiert. Es ist keine Einbildung und keine reine Gewohnheitssache, sondern eine messbare körperliche und psychische Reaktion des Körpers.

Lange war das umstritten. Nach Einschätzung der Mediziner Udo Bonnet und Ulrich Preuss wurde in der Wissenschaft noch bis in die 1990er Jahre angezweifelt, dass es körperliche Entzugserscheinungen von Cannabis überhaupt gibt. Spätestens seit einem wissenschaftlichen Übersichtsartikel aus dem Jahr 2004 hat sich die Lage geändert. Alan Budney und sein Team werteten die bisherigen Einzelstudien aus und kamen zu dem Schluss, dass sich ein Cannabis-Entzugssyndrom bei manchen Cannabisabhängigen eindeutig nachweisen lässt.

2013 folgte der entscheidende Schritt: Das Cannabis-Entzugssyndrom, international Cannabis Withdrawal Syndrome genannt, wurde als eigenständige Diagnose in das DSM-5 aufgenommen, das amerikanische Standardwerk zur Klassifikation psychischer Störungen. Es ist außerdem in der ICD-10, dem internationalen Diagnoseschlüssel der Weltgesundheitsorganisation, erfasst.

Die offiziellen Diagnosekriterien

Nach DSM-5 wird von einem Cannabis-Entzugssyndrom gesprochen, wenn nach dem Beenden oder deutlichen Reduzieren eines starken, länger andauernden Konsums drei oder mehr der folgenden Symptome auftreten:

  • Reizbarkeit, Aggression oder Wut
  • Nervosität oder Angst
  • Schlafprobleme, etwa Einschlafstörungen oder ungewöhnlich lebhafte Träume
  • verminderter Appetit oder Gewichtsverlust
  • innere Unruhe
  • depressive Stimmung
  • mindestens ein körperliches Symptom: Bauchschmerzen, Zittern, Schwitzen, Fieber, Schüttelfrost oder Kopfschmerzen

Wie häufig ist das Cannabis-Entzugssyndrom?

Die Zahlen hängen stark davon ab, welche Gruppe man betrachtet. 9 bis 13 Prozent der Menschen, die mindestens einmal Cannabis konsumiert haben, entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Cannabisabhängigkeit. Das bedeutet, dass ungefähr jede achte bis elfte Person mit Konsumerfahrung davon betroffen ist.

Etwa neun von zehn Personen mit einer Cannabisabhängigkeit entwickeln ein Entzugssyndrom, wenn sie aufhören zu kiffen. Eine Metaanalyse von Bonnet und Preuss ergab, dass rund 47 Prozent aller regelmäßigen Konsumierenden klinisch bedeutsame Entzugssymptome erleben, bei täglichen Konsumierenden liegt die Rate über 50 Prozent. Unter Menschen, die wegen ihres Cannabiskonsums eine Behandlung aufsuchen, berichten sogar mehr als 80 Prozent von Entzugssymptomen.

Eine große US-amerikanische Bevölkerungsstudie kommt auf eine Prävalenz von 12,1 Prozent unter häufigen Konsumierenden, was die strengeren Diagnosekriterien der Gesamtbevölkerung widerspiegelt. Die häufigsten Einzelsymptome waren dabei Nervosität und Angst mit 76,3 Prozent, Feindseligkeit mit 71,9 Prozent, Schlafprobleme mit 68,2 Prozent und depressive Stimmung mit 58,9 Prozent.

Wichtig zur Einordnung: Nicht jeder Cannabiskonsum führt in eine Abhängigkeit. Schätzungsweise entwickeln rund 9 Prozent aller Konsumierenden eine Cannabisabhängigkeit, bei täglichen Langzeitkonsumierenden steigt die Rate auf 25 bis 50 Prozent.

Warum entsteht der Cannabis-Entzug? Die Ursache liegt im Gehirn

Das Cannabis-Entzugssyndrom wird durch Cannabis selbst verursacht, genauer gesagt durch seinen Hauptwirkstoff THC. Der Mechanismus ist gut verstanden und hat nichts mit Zusatzstoffen zu tun.

Das Endocannabinoid-System gewöhnt sich an THC

Der menschliche Körper verfügt über ein eigenes Cannabinoid-System, das Endocannabinoid-System. Es produziert körpereigene Botenstoffe wie Anandamid und 2-AG, die über CB1- und CB2-Rezeptoren Stimmung, Schlaf, Appetit, Schmerzempfinden und die Stressantwort regulieren.

THC ist strukturell dem Anandamid ähnlich und dockt an dieselben CB1-Rezeptoren an, allerdings in deutlich höherer Konzentration. Bei regelmäßigem Konsum passt sich das Gehirn an: Es reduziert die Zahl der CB1-Rezeptoren und fährt die eigene Produktion körpereigener Cannabinoide herunter. Fachleute sprechen von einer Desensibilisierung oder Herunterregulierung. Das System kalibriert sich um die Annahme herum, dass THC immer vorhanden sein wird.

Wird der Konsum eingestellt oder deutlich reduziert, fehlt die gewohnte Dosis THC. Das Gehirn hat nun weniger Rezeptoren und produziert gleichzeitig weniger eigene Cannabinoide. Die Folge: Alle Funktionen, die das Endocannabinoid-System steuert, geraten aus dem Gleichgewicht. Schlaf, Appetit, Stimmung und Temperaturregulation werden dysreguliert. Das ist die direkte Ursache der meisten Entzugssymptome.

Die Erholung folgt einem messbaren Zeitplan

Bildgebende Untersuchungen zeigen, dass dieser Prozess zeitlich gut fassbar ist. Die Dichte der CB1-Rezeptoren beginnt bereits innerhalb von zwei Tagen nach dem Absetzen wieder anzusteigen, zeigt eine deutliche Erholung bis etwa Tag 28 und erreicht bis etwa Tag 90 nahezu wieder das Normalniveau. Genau dieser neurologische Zeitplan erklärt, warum die akuten Symptome meist nach zwei bis vier Wochen abklingen, während sich die vollständige Normalisierung über mehrere Monate hinzieht.

Auch das Belohnungssystem spielt mit

THC löst eine Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens aus, dem Belohnungszentrum des Gehirns. Bei chronischem Konsum reduziert das Gehirn die grundlegende Dopaminproduktion und die Rezeptorempfindlichkeit. Fällt das THC weg, sinkt der Dopaminspiegel unter das normale Niveau. Deshalb fühlt sich in den ersten Wochen oft alles flach, grau und freudlos an. Das ist keine klinische Depression, auch wenn es sich so anfühlen kann, sondern ein vorübergehendes neurochemisches Defizit, das sich typischerweise über vier bis zwölf Wochen zurückbildet.

Der steigende THC-Gehalt verschärft das Problem

Bonnet und Preuss weisen darauf hin, dass sich die Lage möglicherweise auch deshalb geändert hat, weil der Wirkstoffgehalt von Cannabis über die Jahre zugenommen hat. Allein zwischen 2006 und 2016 hat sich der Anteil des Hauptwirkstoffs THC in Haschisch und Marihuana ungefähr verdoppelt. Höhere THC-Konzentrationen führen zu einer stärkeren Herunterregulierung der Rezeptoren und damit zu einem intensiveren Entzug.

Noch deutlicher ist der Effekt bei synthetischen Cannabinoiden. Diese haben meist eine stärkere Wirkung und lösen ein intensiveres Entzugssyndrom aus. Beim Entzug von synthetischen Cannabinoiden können zusätzlich Übelkeit und Erbrechen hinzukommen, was für den Entzug von pflanzlichen Cannabinoiden eher untypisch ist.

Welche Symptome treten auf und wie lange dauern sie?

Die Entzugssymptome beim Cannabis sind weniger dramatisch als etwa beim Alkohol- oder Opiatentzug. Es treten keine Krampfanfälle auf und es besteht keine Lebensgefahr. Aber sie sind real und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

Die psychischen Symptome

Am belastendsten sind für die meisten Betroffenen die psychischen Beschwerden. Schlafstörungen gelten als das häufigste und störendste Einzelsymptom. THC unterdrückt den REM-Schlaf, und nach dem Absetzen kommt es zu einem sogenannten REM-Rebound: Die Träume werden ungewöhnlich intensiv, lebhaft und manchmal beunruhigend. Dazu kommen Reizbarkeit und Aggressivität, die oft als erstes Symptom auftreten, sowie Angst, innere Unruhe, depressive Stimmung und Stimmungsschwankungen.

Auch kognitive Beschwerden sind typisch: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme und das Gefühl, benebelt zu sein. Diese Symptome bilden sich meist innerhalb von zwei bis vier Wochen zurück.

Das zäheste Symptom ist das Craving, also das starke Verlangen nach weiterem Konsum. Es wird von 75 bis 80 Prozent der Betroffenen berichtet und kann durch Auslöser wie bestimmte Orte, Gerüche oder soziale Situationen auch Monate nach dem Absetzen wieder auftauchen.

Die körperlichen Symptome

Haeufigste Entzugserscheinungen bei Cannabis
Haeufigste Entzugserscheinungen bei Cannabis

Körperliche Entzugserscheinungen treten ebenfalls auf, werden in Übersichtsarbeiten aber insgesamt als weniger häufig beschrieben als die psychischen. Dazu zählen Schwitzen und Nachtschweiß, Schüttelfrost, Zittern, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Übelkeit sowie Fieber. Auch Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust sind häufig, weil der appetitanregende Effekt des THC wegfällt.

Der typische Zeitverlauf

Die Symptome treten häufig nach einem, spätestens aber am zweiten Tag nach dem Absetzen ein. Die Forschung beschreibt zwei unterschiedliche Verlaufstypen. Beim ersten Typ nehmen die Entzugssymptome vom ersten Tag an nach und nach ab. Beim zweiten Typ nehmen die Symptome in den ersten Tagen noch zu, um dann etwa ab dem vierten Tag kontinuierlich abzunehmen.

Der Höhepunkt liegt meist zwischen Tag 2 und Tag 6. In der Regel klingen die meisten Beschwerden innerhalb von 7 bis 14 Tagen deutlich ab. Bei starkem, langjährigem Konsum können Entzugssymptome jedoch bis zu drei Wochen oder länger andauern. Nach etwa drei bis vier Wochen ist der Entzug bei beiden Verlaufstypen weitestgehend überstanden. Schlafstörungen können allerdings vier bis sechs Wochen anhalten, und bei Langzeitkonsumierenden kann die vollständige Normalisierung des Schlafs bis zu 45 Tage dauern.

Welche Faktoren bestimmen die Stärke des Entzugs?

Die Symptomstärke ist sehr unterschiedlich und hängt von mehreren Faktoren ab. Je länger und stärker der Konsum war, desto intensiver können die Entzugssymptome ausfallen. Eine Rolle spielen außerdem die Konsumhäufigkeit, die THC-Konzentration der verwendeten Produkte, das Alter beim Konsumbeginn, bestehende psychische Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen sowie die Frage, ob abrupt oder schrittweise reduziert wird.

Auch das Geschlecht ist relevant. Die Forschung hat gezeigt, dass Frauen nicht nur schneller eine Cannabisabhängigkeit entwickeln, sondern dass das Entzugssyndrom bei Frauen tendenziell auch stärker ausfällt.

Der Tabak-Faktor: Die unterschätzte zweite Baustelle

Jetzt kommt der Punkt, der in der öffentlichen Debatte fast immer zu kurz kommt. Denn die meisten Konsumierenden in Deutschland rauchen ihr Cannabis nicht pur, sondern gemischt mit Tabak. Und damit entsteht eine Situation, die das Entzugserleben erheblich verkompliziert.

Der Joint ist in Deutschland fast immer ein Mischprodukt

Wie verbreitet das Mischen ist, zeigt eine Auswertung der Schweizer Daten des European School Survey Projects on Alcohol and other Drugs. Das Forschungsteam um Joan-Carles Suris wertete die Angaben von über 7.000 Schülerinnen und Schülern der Klassenstufen 8 bis 10 aus, von denen 881 im letzten Monat Cannabis konsumiert hatten. Das Ergebnis ist eindeutig: Vier von fünf Cannabiskonsumierenden, also 82 Prozent, geben an, häufig oder sehr häufig Cannabis mit Tabak zu mischen. Weitere 13 Prozent machen dies selten, und nur 5 Prozent konsumieren Cannabis ohne den Zusatz von Tabak.

Bemerkenswert ist dabei: Selbst bei Jugendlichen, die sich selbst als Nichtraucher bezeichnen, besteht der Joint meist aus einer Mischung aus Tabak und Cannabis. Nur 5 Prozent der kiffenden Jugendlichen rauchen üblicherweise keine Zigaretten, 15 Prozent bezeichnen sich als ehemalige Raucherinnen oder Raucher.

Nikotin hat sein eigenes, vollwertiges Entzugssyndrom

Nikotin hat ein hohes Abhängigkeitspotenzial, und der Nikotinentzug ist seit Jahrzehnten hervorragend erforscht. Wer also einen Joint mit Tabak raucht und aufhört, setzt nicht eine, sondern zwei Substanzen gleichzeitig ab. Die Symptome überlagern sich, und für die Betroffenen ist kaum noch unterscheidbar, was von welcher Substanz stammt.

Wie ähnlich sich beide Entzüge sind, hat ein Forschungsteam der Johns Hopkins School of Medicine in einer Vergleichsstudie untersucht. Insgesamt 42 Freiwillige nahmen teil, die in den letzten sechs Monaten täglich gekifft und mindestens zehn Zigaretten pro Tag geraucht hatten. Sie mussten jeweils fünf Tage lang entweder auf Cannabis, auf Zigaretten oder auf beides verzichten und gaben täglich Auskunft über ihre Entzugssymptome. Zur Kontrolle wurde der Urin täglich auf Abbauprodukte von THC und Nikotin untersucht.

Das wichtigste Ergebnis: Die Art und Intensität der Entzugssymptome beim Verzicht auf Cannabis oder auf Zigaretten waren in etwa gleich stark ausgeprägt. Bei beiden Substanzen erlebten die Versuchspersonen schon nach einem Tag Abstinenz signifikante Entzugssymptome. Auch drugcom fasst zusammen, dass der Entzug nach normalem Cannabis in etwa vergleichbar sei mit dem Entzug bei einer Tabakabhängigkeit.

Ein Detail am Rande sagt viel über die Belastung aus: Von den ursprünglich 42 Versuchspersonen hielten nur zwölf bis zum Schluss durch, obwohl für die vollständige Studienteilnahme 750 US-Dollar in Aussicht gestellt waren.

Tabak macht die Cannabisabhängigkeit wahrscheinlicher

Tabak ist nicht nur ein Begleiter des Cannabiskonsums, er verändert ihn auch. Ein britisches Forschungsteam um Chandni Hindocha führte eine Wiederholungsbefragung im Abstand von vier Jahren mit 65 Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch, die bei der ersten Befragung zwischen 16 und 23 Jahre alt waren. Die Auswertung zeigte, dass die Tabakraucherinnen und Tabakraucher bereits zur ersten Befragung sehr viel häufiger eine Cannabisabhängigkeit entwickelt hatten als Kiffer, die nicht zusätzlich Tabak rauchten.

Vier Jahre später waren viele der Teilnehmenden noch cannabisabhängig, andere waren es in der Zwischenzeit geworden. Durch Berechnungen konnte das Team herausfinden, dass dem Tabakrauchen bei der Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit eine Art Vermittlerrolle zukommt: Je mehr Tabak die Personen geraucht hatten, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, cannabisabhängig zu bleiben oder zu werden. Das Team kommt zu dem Schluss, dass Tabak vermutlich die Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit vorantreibt.

Interessant ist dabei ein negatives Ergebnis: Manche Konsumierende sind der Ansicht, dass Tabak die Wirkung von Cannabis verstärkt. Im Rahmen einer experimentellen Studie mit nikotinhaltigem und nikotinfreiem Tabak konnte dieser Effekt allerdings nicht bestätigt werden.

Die Verbindung geht in beide Richtungen

Eine Meta-Analyse unter der Leitung von Tesfa Mekonen Yimer hat gezeigt, dass Jugendliche, die Nikotin konsumieren, im Vergleich zu abstinenten Gleichaltrigen mit einer mehr als zweifach höheren Wahrscheinlichkeit im Nachgang anfangen, auch Cannabis zu konsumieren. Das gilt nicht nur für klassische Zigaretten, sondern auch für nikotinhaltige E-Zigaretten.

Umgekehrt gilt dasselbe: Jugendliche, die mit Cannabis beginnen, fangen später im jungen Erwachsenenalter mit einer etwa dreifach erhöhten Wahrscheinlichkeit an, klassische Zigaretten zu rauchen oder Vapes zu benutzen. In einer US-amerikanischen Zwillingsstudie wurde nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit für den Übergang vom gelegentlichen zum regelmäßigen Rauchen 4,4-fach höher war, wenn auch Cannabis konsumiert wurde.

Joints werden deshalb in der Fachliteratur auch als Trojanisches Pferd für Nikotin bezeichnet, weil sich die Nikotinabhängigkeit über den Joint quasi unbemerkt einschleicht. Problematisch ist die Mischung zusätzlich, weil der Rauch aus Joints in der Regel tiefer und länger inhaliert wird als bei normalen Zigaretten.

Es gibt außerdem Hinweise auf epigenetische Veränderungen durch das Rauchen. In Tierversuchen konnte nachgewiesen werden, dass Nikotin zu Veränderungen auf Rezeptorebene führt und die Tiere dadurch empfänglicher für die Wirkung anderer Drogen wurden.

Der entscheidende Befund: Tabak ist der stärkste Rückfalltreiber

Wenn es um die Frage geht, was den Ausstieg aus dem Cannabiskonsum am meisten erschwert, liefert eine Studie der Columbia Universität in New York die bislang klarste Antwort.

Das Forschungsteam um Margaret Haney führte aufwändige Experimente mit 51 Männern und Frauen durch, die täglich kifften und von denen die meisten auch Tabak rauchten. Die Versuchspersonen lebten zwischen neun und elf Tagen in einer kontrollierten Umgebung. Jeder ihrer Schritte wurde per Video überwacht, jeder Zug an einem Joint protokolliert und jede Zigarette gezählt.

In den ersten drei Tagen bekamen die Versuchspersonen nur wirkstofffreies Placebo-Marihuana zu rauchen, sodass sie in den Entzug kamen. Anschließend durften sie wieder echtes Cannabis rauchen, mussten es sich aber kaufen. Sie konnten die Einnahmen, die ihnen für die Studienteilnahme versprochen waren, teilweise eintauschen, um an einem Joint ziehen zu dürfen. Wer sich für das Nichtkiffen entschied, wurde durch höhere Einnahmen belohnt.

Die meisten Teilnehmenden entschieden sich für das Kiffen und verzichteten auf reale Einnahmen. Ein Teil blieb jedoch abstinent, und hier zeigt sich der entscheidende Befund: Es waren vor allem jene Personen, die keinen Tabak rauchten. Nichtrauchende Kiffer hatten eine 19-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, zumindest während des Experiments cannabisabstinent zu bleiben. Unter allen untersuchten Einflussfaktoren, zu denen auch Entzugssymptome und Schlafprobleme zählten, hatte das Tabakrauchen damit den stärksten Effekt auf den Rückfall in das Kiffen.

Warum der gleichzeitige Ausstieg besser funktioniert

Eine US-amerikanische Online-Umfrage unter 282 Personen, die rauchten und kifften, zeigt ein weiteres Muster. 79 Prozent gaben an, den Rauchausstieg schon einmal in Angriff genommen zu haben, aber nur 40 Prozent hatten schon einmal versucht, mit dem Kiffen aufzuhören. Die Motivation, vom Tabak loszukommen, ist also deutlich höher als die Bereitschaft, den Cannabiskonsum zu beenden.

Das Problem ist, dass der Ausstieg aus der einen Substanz Auswirkungen auf die andere hat. 50 Prozent der Personen, die mit dem Rauchen aufhören wollten, sagten, dass sie hinterher mehr gekifft haben. Umgekehrt neigen Menschen, die mit dem Kiffen aufhören wollen, dazu, verstärkt zu Zigaretten zu greifen. Womöglich versuchen ausstiegswillige Cannabiskonsumierende bewusst oder unbewusst, Entzugssymptome mit Tabak zu bekämpfen.

Wer es im Zuge seines Cannabisausstiegs schafft, auch mit dem Tabakrauchen aufzuhören, hat mehr Erfolg. Cannabis und Tabak gleichzeitig einzustellen erhöht die Wahrscheinlichkeit, abstinent zu bleiben. Ein wichtiger Grund ist vermutlich die identische Konsumform: Beide Substanzen werden geraucht, und das Rauchen einer Zigarette lässt den Wunsch nach einem Joint wieder aufflammen.

Entgegen den Erwartungen gab es in der Johns-Hopkins-Studie übrigens keine eindeutigen Belege dafür, dass der gleichzeitige Verzicht auf Cannabis und Zigaretten schwieriger ist als die Abstinenz von nur einer Substanz. Fünf der verbliebenen zwölf Versuchspersonen empfanden es sogar als leichter, gleich auf beides zu verzichten.

Schlafprobleme als größter Rückfallauslöser

Unabhängig vom Tabak ist das Schlafproblem der kritischste Einzelfaktor. Gerade zu Beginn des Entzugs kann ein besonders starker Wunsch nach weiterem Konsum auftreten, denn erneuter Konsum kann Entzugssymptome schnell lindern. Die Rückfallgefahr ist entsprechend hoch.

In einer Studie mit 55 Cannabisabhängigen, die ohne professionelle Unterstützung aus dem Konsum aussteigen wollten, zeigte sich, dass die Rückfallquote besonders dann hoch war, wenn die Personen von Schlafproblemen berichteten. Bereits am ersten Tag des Entzugs ist fast die Hälfte der Teilnehmenden mit Schlafproblemen rückfällig geworden. Bei den Teilnehmenden ohne Schlafprobleme waren es nur 24 Prozent.

Was hilft beim Cannabis-Entzug?

Bislang gibt es keine speziellen Medikamente gegen Entzugserscheinungen bei Cannabiskonsum. Unterstützende Gespräche und Psychoedukation gelten als zentrale erste Behandlungsansätze. Medikamente können im Einzelfall eingesetzt werden, um einzelne Symptome wie Schlafprobleme, Angst oder Übelkeit kurzfristig zu behandeln.

Die wirksamsten Ansätze sind psychotherapeutischer Natur: motivierende Interventionen, kognitive Verhaltenstherapie zum Umgang mit Auslösern und Gedankenmustern sowie strukturiertes Rückfallmanagement. Teils kommen auch abstinenzorientierte Verstärkeransätze zum Einsatz, das sogenannte Kontingenzmanagement. Wenn zusätzlich psychische Belastungen wie Angst, Depression oder ADHS vorliegen, sollten diese unbedingt mitbehandelt werden, weil das die Chancen auf eine stabile Veränderung deutlich verbessert.

Was Betroffene selbst tun können

Sport ist eines der wirksamsten Mittel. In einer Studie wurde belegt, dass 30 Minuten Joggen pro Tag nicht nur den Suchtdruck, sondern auch den Konsum signifikant senkt. Die Beteiligten hatten innerhalb einer Woche ihren Konsum auf die Hälfte reduziert, obwohl sie nicht einmal vorhatten aufzuhören. Sport ist allerdings kein Allheilmittel: In einer Studie mit Cannabisabhängigen, die selbstständig aussteigen wollten, war die Rückfallquote bei den sportlich Aktiven anfänglich zwar niedriger, nach etwa einer Woche gab es aber keinen Unterschied mehr.

Beim Einschlafen hilft vor allem eines: neue Routinen. Bei sehr vielen Cannabiskonsumierenden hat sich ein abendliches Ritual entwickelt, das stark mit dem Kiffen verknüpft ist und dem Körper signalisiert, dass jetzt Zeit zum Schlafen ist. Deshalb ist es anfangs nicht leicht, ohne den Joint zur Ruhe zu kommen. Feste Schlafzeiten, ein kühles Zimmer und der Verzicht auf Bildschirme vor dem Einschlafen unterstützen die Umstellung.

Wichtig sind außerdem ausreichendes Trinken und regelmäßige Mahlzeiten, auch wenn der Appetit schwankt, sowie Entspannungsverfahren und ein konkreter Plan für Risikosituationen.

Selbsthilfe bei Suchtdruck
Selbsthilfe bei Suchtdruck

Professionelle Hilfe ist kein Scheitern

Ein Cannabis-Entzug kann häufig zu Hause durchgeführt werden, vor allem dann, wenn die Beschwerden überschaubar bleiben, keine akute psychische Krise besteht und die Betroffenen sich im Alltag selbst versorgen können. Eine qualifizierte Entgiftung findet dagegen immer stationär in einer medizinischen Einrichtung statt, ist aber in den meisten Fällen nicht notwendig. Nur eine Minderheit entwickelt starke, behandlungsbedürftige Entzugssymptome.

In Deutschland gibt es viele Suchtberatungsstellen, die Betroffene und Angehörige vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym unterstützen. Für den Cannabisausstieg gibt es mit Quit the Shit ein spezialisiertes, kostenloses und anonym nutzbares Online-Programm, dessen Kernstück ein vierwöchiges Konsum-Tagebuch mit Begleitung durch ein Beratungsteam ist. Auch drugcom bietet kostenlose Chat- und E-Mail-Beratung an.

Forschende weisen allerdings darauf hin, dass Menschen, die rauchen und Cannabis konsumieren, eher selten professionelle Hilfe für ihren Ausstiegsversuch in Anspruch nehmen. Dabei erhöht professionelle Unterstützung in der Regel deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass der Ausstieg gelingt.

Bei starken psychischen Symptomen wie Suizidgedanken, schwerer Angst oder Panik oder bei Verfolgungsgefühlen sollte umgehend Unterstützung geholt werden. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 1110111 und 0800 1110222 oder unter 116 123 erreichbar. Bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung gilt der Notruf 112.

Was bedeutet das für den Cannabiskonsum ohne Tabak?

Die Studienlage führt zu einer sehr praktischen Erkenntnis: Wer Cannabis ohne Tabak konsumiert, hat beim Thema Abhängigkeit und Entzug eine deutlich günstigere Ausgangslage. Nichtrauchende Kiffer hatten in der Columbia-Studie eine 19-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, abstinent zu bleiben, und das Tabakrauchen war der stärkste Rückfalltreiber überhaupt.

Genau hier setzt das Modell der Anbauvereinigung an. Der Cannabis Club Arnstadt e.V. gibt als Anbauvereinigung nach dem Konsumcannabisgesetz ausschließlich Cannabis in Reinform an seine Mitglieder ab, also Marihuana oder Haschisch ohne Beimischungen. Es gibt keine Streckmittel, keine unbekannten Zusätze und keinen Tabak, der mitgeliefert würde. Jedes Mitglied entscheidet selbst über die Konsumform, und wer auf Tabak verzichtet, vermeidet von vornherein die Nikotinabhängigkeit, die sich über den gemischten Joint einschleicht.

Hinzu kommt die Transparenz: In einer Anbauvereinigung ist nachvollziehbar, was angebaut und abgegeben wird, und der THC-Gehalt ist bekannt. Das ist ein relevanter Unterschied zum Schwarzmarkt, wo der Wirkstoffgehalt unbekannt ist und zwischen 2006 und 2016 im Durchschnitt stark angestiegen ist. Jede Anbauvereinigung muss außerdem einen Präventionsbeauftragten benennen, der sich um Aufklärung und Jugendschutz kümmert. Verantwortungsvoller Konsum ist damit strukturell mitgedacht, statt dem Zufall überlassen zu bleiben.

Quellenangaben

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