Der VP‑Wert (oft auch einfach VPD genannt – Vapor Pressure Deficit) beschreibt, wie „durstig“ die Luft rund um deine Pflanzen ist.
- Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen.
- Kalte Luft kann weniger Wasser aufnehmen.
- Die relative Luftfeuchtigkeit (rF) sagt dir, wie voll diese „Wasser-Kapazität“ schon ist (in %).
- Das Dampfdruckdefizit (VPD) gibt an, wie groß der Unterschied zwischen der maximal möglichen Feuchte und der tatsächlichen Feuchte ist – gemessen in kPa (Kilopascal).
Bildlich gesprochen:
Stell dir die Luft als Schwamm vor.
- Hoher VPD (großes Defizit) = sehr trockener Schwamm → die Luft „zieht“ viel Wasser aus der Pflanze.
- Niedriger VPD (kleines Defizit) = fast vollgesogener Schwamm → die Luft kann kaum noch Wasser aufnehmen, die Pflanze schwitzt kaum.
Cannabis liebt ein ausbalanciertes VPD. Dann kann die Pflanze:
- über die Wurzeln Wasser, Nährstoffe und Dünger gut aufnehmen
- über die Blätter (Stomata) Wasser abgeben und CO₂ aufnehmen
- gesund und schnell wachsen, ohne Stress
Die typischen optimalen VPD-Bereiche für Cannabis sind (vereinfacht nach gängigen Charts wie z.B. Humboldt Seed Company):
- Keimung / Stecklinge: ca. 0,6–1,0 kPa
- Wachstum (vegetativ): ca. 0,8–1,2 kPa
- Blüte: ca. 1,2–1,5 kPa
„VPD Grow“ – was bedeutet das?
Mit „VPD Grow“ ist meist die gezielte Steuerung des VPD im Grow-Raum gemeint – oft mithilfe von:
- VPD-Apps und Online-Rechnern
- Sensoren für Temperatur und Luftfeuchte
- Controllern, die Lüfter, Klimaanlage, Luftbefeuchter und Entfeuchter steuern
Ziel:
In jeder Wuchsphase den optimalen VPD-Bereich halten, statt nur „pi mal Daumen“ nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu gehen.
Vorteile von konsequentem VPD Grow:
- Schnelleres Wachstum – die Pflanze transpirert stabil und kann mehr Nährstoffe aufnehmen.
- Weniger Probleme – weniger Schimmel, weniger Nährstoffblockaden, weniger Hitzestress.
- Bessere Qualität – dichterer Wuchs, höhere Erträge, bessere Harzbildung in der Blüte.
Welche VPD-Werte sind ideal für Cannabis?
Hier eine praxisnahe Übersicht nach Phase, an Indoor-Werte angepasst. Die Spannbreiten sind bewusst etwas großzügig – so hast du in der Praxis Spielraum.
Übersichtstabelle: Wuchsphase – Temperatur – Luftfeuchte – VPD
| Phase | Lichtphase | Temp. Luft (°C) | Luftfeuchte rF (%) | Ziel-VPD (kPa) | Bemerkung |
|---|---|---|---|---|---|
| Keimung / Stecklinge | 18–24 h Licht | 23–26 | 70–85 | 0,6–0,9 | Sehr hohe rF, damit zarte Pflanzen nicht austrocknen. |
| Frühe Vegetation | 18 h Licht | 24–28 | 60–70 | 0,8–1,0 | Förderung von schnellem, aber stressfreiem Wachstum. |
| Späte Vegetation | 18 h Licht | 24–28 | 50–65 | 0,9–1,1 | Etwas trockener, um kräftige Stiele und dichten Wuchs zu fördern. |
| Frühe Blüte (Stretch) | 12 h Licht | 24–27 | 50–60 | 1,1–1,3 | Leicht höherer VPD, um Schimmelrisiko zu senken und Stretch zu kontrollieren. |
| Mittlere Blüte | 12 h Licht | 23–26 | 45–55 | 1,2–1,4 | Weniger rF, mehr VPD → dichter Blütenaufbau, weniger Botrytis. |
| Späte Blüte / Reifephase | 12 h Licht | 21–25 | 40–50 | 1,3–1,5 | Rel. trocken, kühle Nächte; maximiert Harz und mindert Schimmelgefahr. |
Wichtig:
VPD hängt auch von der Blatt-Temperatur ab, die meist 1–2 °C niedriger ist als die Lufttemperatur (bei gutem Luftstrom). Moderne VPD-Controller nutzen deshalb Blatt- oder Infrarot-Sensoren.
Wie erkennst du zu hohen oder zu niedrigen VPD?
Zu hoher VPD (Luft „zu trocken“ für die Temperatur)
Typische Anzeichen:
- Blätter „taco-förmig“ eingerollt (Leaf Tacoing)
- Blätter wirken trocken, leicht nach oben eingerollt
- Pflanzen trinken extrem viel, aber zeigen trotzdem Stress
- Spitzenverbrennungen trotz moderater EC-Werte
Ursache:
Temperatur zu hoch oder Luftfeuchte zu niedrig → die Pflanze verliert zu viel Wasser, versucht die Stomata zu schließen → Nährstoffaufnahme geraten aus dem Gleichgewicht.
Lösungen:
- Luftfeuchte erhöhen (Luftbefeuchter, offene Wasserbehälter, Nebler)
- Temperatur leicht senken
- Luftstrom optimieren (kein heißer, direkter Wind auf die Pflanzen)
Zu niedriger VPD (Luft „zu feucht“ bzw. zu kalt)
Typische Anzeichen:
- Blätter hängen schlaff, wirken „schwer“
- Wassertröpfchen auf den Blättern / im Blütendach
- Schimmel (Botrytis) und Mehltau-Gefahr steigt
- Pflanzen trinken wenig, Nährstoffaufnahme ist träge
Ursache:
Temperatur zu niedrig oder Luftfeuchte zu hoch → die Luft ist fast gesättigt, die Pflanze kann kaum Wasser abgeben, Stomata öffnen sich schlechter, CO₂-Aufnahme sinkt.
Lösungen:
- Entfeuchter nutzen oder mehr Abluft fahren
- Temperatur leicht erhöhen
- Nachttemperaturen nicht zu stark absacken lassen
- In der späten Blüte: rF entschlossen unter ~50 % drücken
Praxis: Wie optimierst du VPD in deinem Grow?
1. Messen: Ohne Sensoren kein VPD Grow
Du brauchst mindestens:
- Thermometer / Hygrometer (besser mehrere im Raum und im Baldachin)
- Ideal: Kombi-Sensor, der Daten loggt (Temp + rF)
- Noch besser: Infrarot-Thermometer zum Messen der Blatt-Temperatur
Dann nutzt du:
- VPD-App (z.B. auf dem Smartphone)
- oder eine VPD-Tabelle/Chart für Cannabis
Du trägst Temperatur + rF ein → die App zeigt dir, ob du im grünen Bereich bist.
2. Steuern: Temperatur & Luftfeuchte anpassen
Um VPD zu senken (Luft „feuchter“ machen, z.B. für Keimung/Stecklinge):
- Luftbefeuchter einsetzen
- offene Wasserflächen in den Raum stellen
- Abluftleistung leicht reduzieren (aber Schimmelgefahr im Blick behalten)
- Temperatur minimal senken (aber nicht zu stark, sonst VPD wieder zu klein)
Um VPD zu erhöhen (Luft „trockener“ machen, v.a. in der Blüte):
- Entfeuchter verwenden
- Abluft/Frischluft steigern
- Temperatur moderat erhöhen (z.B. von 23 auf 25 °C)
- Nachttemperatur nicht extrem abfallen lassen → sonst hohe rF in der Dunkelphase
3. Luftbewegung: Der unterschätzte Faktor
Gute Luftbewegung macht die VPD-Steuerung erst richtig effektiv:
- Umluftventilatoren sorgen dafür, dass Luftschichten sich nicht stauen.
- Kein „toter Winkel“ im Baldachin → weniger lokale Feuchte-Nester.
- Blätter sollten leicht wackeln, aber nicht permanent stark durchgebogen werden.
Ergebnis:
Die Blatt-Temperatur bleibt kontrollierbar und die Spaltöffnungen können natürlicher arbeiten – was wiederum die VPD-Berechnung näher an die Realität bringt.
4. VPD nach Phase bewusst anpassen
Keimung / Stecklinge:
- Ziel: Kein Austrocknen der zarten Pflanzen.
- Hohe Luftfeuchte (70–85 %), milde Temperaturen (23–26 °C).
- VPD bewusst niedrig halten (0,6–0,9 kPa).
Vegetative Phase:
- Ziel: Maximales Wachstum ohne Stress.
- Temperatur 24–28 °C, rF 55–70 %.
- VPD im Bereich 0,8–1,1 kPa halten.
- Pflanzen lernen, kräftig zu transpirieren und stabile Stängel auszubilden.
Blütephase:
- Ziel: Dichte, harzige Buds ohne Schimmel.
- Temperatur 21–26 °C, rF graduell senken (50 % → 45 % → 40–45 % in der Endphase).
- VPD nach und nach erhöhen:
- Frühe Blüte: ~1,1–1,3 kPa
- Mittlere/Späte Blüte: ~1,3–1,5 kPa
Dadurch reifen die Buds kompakt aus und das Risiko von Botrytis in dicken Colas sinkt deutlich.
Häufige Fehler beim VPD Grow
- Nur auf Temperatur achten
Viele Grower korrigieren nur °C und ignorieren die rF. Das führt schnell zu Feuchte- oder Trockenstress, obwohl die Temperatur „okay“ aussieht. - Nachts zu kalt, zu feucht
In der Dunkelphase steigt die Luftfeuchte oft stark an. Wenn die Temperatur gleichzeitig stark fällt, entsteht ein sehr niedriger VPD → Schimmel-Paradies.
Tipp: Nachttemperatur nicht mehr als 5–7 °C unter Tagestemperatur fallen lassen und ggf. Entfeuchter nachts laufen lassen. - Keine Kalibrierung der Sensoren
Billige Hygrometer können 5–10 % daneben liegen. Ein falsch angezeigter Wert führt dann zu falscher VPD-Bewertung. Sensoren gelegentlich mit Salztest oder Referenzgerät prüfen. - VPD extrem „pushen“
Mehr ist nicht immer besser: Sehr hoher VPD kann die Pflanze massiv stressen, auch wenn sie kurzfristig schneller trinkt. Langfristig drohen Verbrennungen, Mangelerscheinungen und Wachstumsstopp.
Fazit: VPD als Schlüssel für den perfekten Cannabis-Grow
Der VP-Wert bzw. das Dampfdruckdefizit (VPD) ist einer der wichtigsten, aber am häufigsten unterschätzten Parameter im Indoor-Cannabis-Anbau.
Wenn du:
- Temperatur und Luftfeuchte gemeinsam betrachtest,
- dich an phasenabhängigen VPD-Bereichen orientierst und
- mithilfe von Sensoren, Apps und etwas Feintuning arbeitest,
kannst du mit VPD Grow:
- gesündere Pflanzen
- stabilere Ernten
- und eine bessere Qualität deiner Blüten erreichen.
Nutze die Tabelle oben als Orientierung, beobachte deine Pflanzen genau und justiere Schritt für Schritt nach – dann wird VPD vom abstrakten Wert zu einem extrem praktischen Werkzeug für deinen perfekten Grow.


