Was ist der VPD-Wert beim Cannabis-Anbau?

24. November 2025

Der VP‑Wert (oft auch einfach VPD genannt – Vapor Pressure Deficit) beschreibt, wie „durstig“ die Luft rund um deine Pflanzen ist.

  • Warme Luft kann mehr Wasser aufnehmen.
  • Kalte Luft kann weniger Wasser aufnehmen.
  • Die relative Luftfeuchtigkeit (rF) sagt dir, wie voll diese „Wasser-Kapazität“ schon ist (in %).
  • Das Dampfdruckdefizit (VPD) gibt an, wie groß der Unterschied zwischen der maximal möglichen Feuchte und der tatsächlichen Feuchte ist – gemessen in kPa (Kilopascal).

Bildlich gesprochen:
Stell dir die Luft als Schwamm vor.

  • Hoher VPD (großes Defizit) = sehr trockener Schwamm → die Luft „zieht“ viel Wasser aus der Pflanze.
  • Niedriger VPD (kleines Defizit) = fast vollgesogener Schwamm → die Luft kann kaum noch Wasser aufnehmen, die Pflanze schwitzt kaum.

Cannabis liebt ein ausbalanciertes VPD. Dann kann die Pflanze:

  • über die Wurzeln Wasser, Nährstoffe und Dünger gut aufnehmen
  • über die Blätter (Stomata) Wasser abgeben und CO₂ aufnehmen
  • gesund und schnell wachsen, ohne Stress

Die typischen optimalen VPD-Bereiche für Cannabis sind (vereinfacht nach gängigen Charts wie z.B. Humboldt Seed Company):

  • Keimung / Stecklinge: ca. 0,6–1,0 kPa
  • Wachstum (vegetativ): ca. 0,8–1,2 kPa
  • Blüte: ca. 1,2–1,5 kPa

 

„VPD Grow“ – was bedeutet das?

Mit „VPD Grow“ ist meist die gezielte Steuerung des VPD im Grow-Raum gemeint – oft mithilfe von:

  • VPD-Apps und Online-Rechnern
  • Sensoren für Temperatur und Luftfeuchte
  • Controllern, die Lüfter, Klimaanlage, Luftbefeuchter und Entfeuchter steuern

Ziel:
In jeder Wuchsphase den optimalen VPD-Bereich halten, statt nur „pi mal Daumen“ nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu gehen.

Vorteile von konsequentem VPD Grow:

  1. Schnelleres Wachstum – die Pflanze transpirert stabil und kann mehr Nährstoffe aufnehmen.
  2. Weniger Probleme – weniger Schimmel, weniger Nährstoffblockaden, weniger Hitzestress.
  3. Bessere Qualität – dichterer Wuchs, höhere Erträge, bessere Harzbildung in der Blüte.

 

 

Welche VPD-Werte sind ideal für Cannabis?

Hier eine praxisnahe Übersicht nach Phase, an Indoor-Werte angepasst. Die Spannbreiten sind bewusst etwas großzügig – so hast du in der Praxis Spielraum.

Übersichtstabelle: Wuchsphase – Temperatur – Luftfeuchte – VPD

Phase Lichtphase Temp. Luft (°C) Luftfeuchte rF (%) Ziel-VPD (kPa) Bemerkung
Keimung / Stecklinge 18–24 h Licht 23–26 70–85 0,6–0,9 Sehr hohe rF, damit zarte Pflanzen nicht austrocknen.
Frühe Vegetation 18 h Licht 24–28 60–70 0,8–1,0 Förderung von schnellem, aber stressfreiem Wachstum.
Späte Vegetation 18 h Licht 24–28 50–65 0,9–1,1 Etwas trockener, um kräftige Stiele und dichten Wuchs zu fördern.
Frühe Blüte (Stretch) 12 h Licht 24–27 50–60 1,1–1,3 Leicht höherer VPD, um Schimmelrisiko zu senken und Stretch zu kontrollieren.
Mittlere Blüte 12 h Licht 23–26 45–55 1,2–1,4 Weniger rF, mehr VPD → dichter Blütenaufbau, weniger Botrytis.
Späte Blüte / Reifephase 12 h Licht 21–25 40–50 1,3–1,5 Rel. trocken, kühle Nächte; maximiert Harz und mindert Schimmelgefahr.

Wichtig:
VPD hängt auch von der Blatt-Temperatur ab, die meist 1–2 °C niedriger ist als die Lufttemperatur (bei gutem Luftstrom). Moderne VPD-Controller nutzen deshalb Blatt- oder Infrarot-Sensoren.

Wie erkennst du zu hohen oder zu niedrigen VPD?

Zu hoher VPD (Luft „zu trocken“ für die Temperatur)

Typische Anzeichen:

  • Blätter „taco-förmig“ eingerollt (Leaf Tacoing)
  • Blätter wirken trocken, leicht nach oben eingerollt
  • Pflanzen trinken extrem viel, aber zeigen trotzdem Stress
  • Spitzenverbrennungen trotz moderater EC-Werte

Ursache:
Temperatur zu hoch oder Luftfeuchte zu niedrig → die Pflanze verliert zu viel Wasser, versucht die Stomata zu schließen → Nährstoffaufnahme geraten aus dem Gleichgewicht.

Lösungen:

  • Luftfeuchte erhöhen (Luftbefeuchter, offene Wasserbehälter, Nebler)
  • Temperatur leicht senken
  • Luftstrom optimieren (kein heißer, direkter Wind auf die Pflanzen)

Zu niedriger VPD (Luft „zu feucht“ bzw. zu kalt)

Typische Anzeichen:

  • Blätter hängen schlaff, wirken „schwer“
  • Wassertröpfchen auf den Blättern / im Blütendach
  • Schimmel (Botrytis) und Mehltau-Gefahr steigt
  • Pflanzen trinken wenig, Nährstoffaufnahme ist träge

Ursache:
Temperatur zu niedrig oder Luftfeuchte zu hoch → die Luft ist fast gesättigt, die Pflanze kann kaum Wasser abgeben, Stomata öffnen sich schlechter, CO₂-Aufnahme sinkt.

Lösungen:

  • Entfeuchter nutzen oder mehr Abluft fahren
  • Temperatur leicht erhöhen
  • Nachttemperaturen nicht zu stark absacken lassen
  • In der späten Blüte: rF entschlossen unter ~50 % drücken

Praxis: Wie optimierst du VPD in deinem Grow?

1. Messen: Ohne Sensoren kein VPD Grow

Du brauchst mindestens:

  • Thermometer / Hygrometer (besser mehrere im Raum und im Baldachin)
  • Ideal: Kombi-Sensor, der Daten loggt (Temp + rF)
  • Noch besser: Infrarot-Thermometer zum Messen der Blatt-Temperatur

Dann nutzt du:

  • VPD-App (z.B. auf dem Smartphone)
  • oder eine VPD-Tabelle/Chart für Cannabis

Du trägst Temperatur + rF ein → die App zeigt dir, ob du im grünen Bereich bist.

2. Steuern: Temperatur & Luftfeuchte anpassen

Um VPD zu senken (Luft „feuchter“ machen, z.B. für Keimung/Stecklinge):

  • Luftbefeuchter einsetzen
  • offene Wasserflächen in den Raum stellen
  • Abluftleistung leicht reduzieren (aber Schimmelgefahr im Blick behalten)
  • Temperatur minimal senken (aber nicht zu stark, sonst VPD wieder zu klein)

Um VPD zu erhöhen (Luft „trockener“ machen, v.a. in der Blüte):

  • Entfeuchter verwenden
  • Abluft/Frischluft steigern
  • Temperatur moderat erhöhen (z.B. von 23 auf 25 °C)
  • Nachttemperatur nicht extrem abfallen lassen → sonst hohe rF in der Dunkelphase

3. Luftbewegung: Der unterschätzte Faktor

Gute Luftbewegung macht die VPD-Steuerung erst richtig effektiv:

  • Umluftventilatoren sorgen dafür, dass Luftschichten sich nicht stauen.
  • Kein „toter Winkel“ im Baldachin → weniger lokale Feuchte-Nester.
  • Blätter sollten leicht wackeln, aber nicht permanent stark durchgebogen werden.

Ergebnis:
Die Blatt-Temperatur bleibt kontrollierbar und die Spaltöffnungen können natürlicher arbeiten – was wiederum die VPD-Berechnung näher an die Realität bringt.

4. VPD nach Phase bewusst anpassen

Keimung / Stecklinge:

  • Ziel: Kein Austrocknen der zarten Pflanzen.
  • Hohe Luftfeuchte (70–85 %), milde Temperaturen (23–26 °C).
  • VPD bewusst niedrig halten (0,6–0,9 kPa).

Vegetative Phase:

  • Ziel: Maximales Wachstum ohne Stress.
  • Temperatur 24–28 °C, rF 55–70 %.
  • VPD im Bereich 0,8–1,1 kPa halten.
  • Pflanzen lernen, kräftig zu transpirieren und stabile Stängel auszubilden.

Blütephase:

  • Ziel: Dichte, harzige Buds ohne Schimmel.
  • Temperatur 21–26 °C, rF graduell senken (50 % → 45 % → 40–45 % in der Endphase).
  • VPD nach und nach erhöhen:
    • Frühe Blüte: ~1,1–1,3 kPa
    • Mittlere/Späte Blüte: ~1,3–1,5 kPa

Dadurch reifen die Buds kompakt aus und das Risiko von Botrytis in dicken Colas sinkt deutlich.

Häufige Fehler beim VPD Grow

  1. Nur auf Temperatur achten
    Viele Grower korrigieren nur °C und ignorieren die rF. Das führt schnell zu Feuchte- oder Trockenstress, obwohl die Temperatur „okay“ aussieht.
  2. Nachts zu kalt, zu feucht
    In der Dunkelphase steigt die Luftfeuchte oft stark an. Wenn die Temperatur gleichzeitig stark fällt, entsteht ein sehr niedriger VPD → Schimmel-Paradies.
    Tipp: Nachttemperatur nicht mehr als 5–7 °C unter Tagestemperatur fallen lassen und ggf. Entfeuchter nachts laufen lassen.
  3. Keine Kalibrierung der Sensoren
    Billige Hygrometer können 5–10 % daneben liegen. Ein falsch angezeigter Wert führt dann zu falscher VPD-Bewertung. Sensoren gelegentlich mit Salztest oder Referenzgerät prüfen.
  4. VPD extrem „pushen“
    Mehr ist nicht immer besser: Sehr hoher VPD kann die Pflanze massiv stressen, auch wenn sie kurzfristig schneller trinkt. Langfristig drohen Verbrennungen, Mangelerscheinungen und Wachstumsstopp.

Fazit: VPD als Schlüssel für den perfekten Cannabis-Grow

Der VP-Wert bzw. das Dampfdruckdefizit (VPD) ist einer der wichtigsten, aber am häufigsten unterschätzten Parameter im Indoor-Cannabis-Anbau.

Wenn du:

  • Temperatur und Luftfeuchte gemeinsam betrachtest,
  • dich an phasenabhängigen VPD-Bereichen orientierst und
  • mithilfe von Sensoren, Apps und etwas Feintuning arbeitest,

kannst du mit VPD Grow:

  • gesündere Pflanzen
  • stabilere Ernten
  • und eine bessere Qualität deiner Blüten erreichen.

Nutze die Tabelle oben als Orientierung, beobachte deine Pflanzen genau und justiere Schritt für Schritt nach – dann wird VPD vom abstrakten Wert zu einem extrem praktischen Werkzeug für deinen perfekten Grow.

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