Wer Cannabis-Samen kauft, orientiert sich oft an den THC- und CBD-Angaben der Breeder auf den Packungen. Doch die Realität sieht häufig anders aus: Die tatsächlichen Werte der finalen Cannabis-Blüten weichen erheblich von den beworbenen Zahlen ab. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt das Ausmaß dieser Diskrepanz: Blue Gelato von Barneys Farm wird mit 26% THC beworben, erreicht aber real nur 14% THC. Amnesia Lemon soll laut Breeder 22% THC enthalten, kommt aber nur auf 13% THC. Doch warum ist das so, und welche Faktoren beeinflussen die tatsächlichen Cannabinoid-Werte?
Das Problem mit den Breeder-Angaben
Cannabis-Breeder werben gerne mit hohen THC-Werten, um ihre Sorten attraktiver zu machen. Diese Angaben basieren jedoch oft auf idealen Laborbedingungen oder den besten jemals erreichten Werten – nicht auf dem, was durchschnittliche Grower unter normalen Bedingungen erwarten können. Die Folge: Enttäuschte Konsumenten und unrealistische Erwartungen.
Beispiel Blue Gelato:
- Breeder-Angabe: 26% THC
- Realität: 14% THC
- Abweichung: -12 Prozentpunkte (-46%)
Beispiel Amnesia Lemon:
- Breeder-Angabe: 22% THC
- Realität: 13% THC
- Abweichung: -9 Prozentpunkte (-41%)
Ursache 1: Messmethoden und Laborunterschiede
Nicht alle Labore messen gleich, und verschiedene Testmethoden können unterschiedliche Ergebnisse liefern:
Einflussfaktoren bei der Messung:
- Probenvorbereitung: Welcher Teil der Blüte wird getestet? Top oder Bottom
- Testmethoden: HPLC vs. GC-MS können verschiedene Werte ergeben
- Kalibrierung: Unterschiedliche Standards zwischen Laboren
- Probenalter: THC baut sich über Zeit ab
Ursache 2: Genetische Variabilität
Auch bei derselben Sorte können einzelne Pflanzen genetisch unterschiedlich sein. Cannabis-Samen sind keine Klone – jede Pflanze kann leicht andere Eigenschaften entwickeln. Während eine Blue Gelato 41 -Pflanze unter idealen Bedingungen tatsächlich 26% THC erreichen könnte, produzieren andere Pflanzen derselben Sorte deutlich weniger.
Faktoren der genetischen Variabilität:
- Phänotyp-Unterschiede: Verschiedene Ausprägungen derselben Genetik
- Stabilität der Sorte: Weniger stabile Sorten zeigen größere Schwankungen
- Zuchtqualität: Unterschiedliche Breeder haben verschiedene Qualitätsstandards
Ursache 3: Optimale vs. durchschnittliche Anbaubedingungen
Die größte Ursache für Abweichungen liegt in den unterschiedlichen Anbaubedingungen. Breeder testen ihre Sorten unter perfekten Laborbedingungen mit:
- Professioneller Beleuchtung: Hochwertige LED-Systeme mit optimaler Lichtverteilung
- Perfekter Klimakontrolle: Konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit
- Idealer Nährstoffversorgung: Präzise abgestimmte Dünger-Programme in Hydrokulutren
- Erfahrenen Growern: Jahrzehntelange Expertise und ständige Überwachung
Durchschnittliche Grower haben selten Zugang zu solchen Bedingungen. Schwankungen in Temperatur, Luftfeuchtigkeit oder Beleuchtung können die THC-Produktion erheblich beeinträchtigen.
Ursache 4: Erntezeitpunkt und Trichom-Entwicklung
Der Erntezeitpunkt hat enormen Einfluss auf den THC-Gehalt. Viele Grower ernten zu früh oder zu spät, was die Cannabinoid-Profile stark beeinflusst.
Auswirkungen des Erntezeitpunkts:
- Zu frühe Ernte: THC noch nicht vollständig entwickelt (wie bei unserer Amnesia Lemon mit nur 13% statt 22%)
- Zu späte Ernte: THC beginnt sich zu CBN abzubauen
- Optimaler Zeitpunkt: Schwer zu bestimmen ohne Erfahrung und Ausrüstung
Ursache 5: Trocknungs- und Curing-Prozess
Nach der Ernte können Fehler beim Trocknen und Curing die Cannabinoid-Werte weiter reduzieren:
Häufige Fehler:
- Zu schnelles Trocknen: Zerstört Terpene und kann THC beeinträchtigen
- Falsche Luftfeuchtigkeit: Schimmelbildung oder zu trockene Blüten
- Unzureichendes Curing: THC-A wird nicht optimal zu THC umgewandelt
- Lagerung: Licht, Wärme und Sauerstoff bauen THC ab
Ursache 6: Marketing vs. Realität
Viele Breeder nutzen die höchsten jemals gemessenen Werte für ihre Werbung, auch wenn diese nur unter Ausnahmebedingungen erreicht wurden. Diese “Cherry-Picking”-Praxis führt zu unrealistischen Erwartungen.
Problematische Praktiken:
- Beste Einzelwerte: Nur die besten 1% der Tests werden beworben
- Idealbedingungen: Werte nur unter Laborbedingungen erreichbar
- Veraltete Tests: Alte, möglicherweise nicht mehr reproduzierbare Werte
- Fehlende Durchschnittswerte: Keine Angabe typischer Bereiche
Was bedeutet das für Grower und Konsumenten?
Die Diskrepanz zwischen beworbenen und tatsächlichen THC-Werten hat praktische Konsequenzen:
Für Grower:
- Realistische Erwartungen: Plane mit 50-70% der beworbenen Werte
- Fokus auf Qualität: Gute Anbaubedingungen sind wichtiger als die Sorte
- Eigene Tests: Lass deine Ernte testen, um echte Werte zu erfahren
Für Konsumenten:
- Vorsicht bei Dosierung: Niedrigere THC-Werte bedeuten andere Dosierung
- Qualität vor Quantität: Terpene und andere Cannabinoide sind auch wichtig
- Vertrauen zu Anbauern: Kenne deine Quelle und deren Anbaumethoden
Fazit: Realistische Erwartungen statt Marketing-Versprechen
Die Beispiele von Blue Gelato 41 (14% statt 26% THC) und Amnesia Lemon (13% statt 22% THC) zeigen deutlich: Die THC-Angaben der Breeder sind oft mehr Marketing als Realität. Faktoren wie Anbaubedingungen, Genetik, Erntezeitpunkt und Verarbeitung haben enormen Einfluss auf die finalen Cannabinoid-Werte. Grower und Konsumenten sollten daher realistische Erwartungen haben und sich nicht allein auf die Packungsangaben verlassen. Qualität entsteht durch gute Anbaupraxis – nicht durch hohe Zahlen auf der Verpackung.